Reisen nach Indien (1) – Auf die Sichtweise kommt es an

Detlef Gehring 26. Dezember 2015

Previous Next

Wer nach Indien fährt, der sollte darauf gefasst sein, dass er nicht so zurück kommt, wie er dort angekommen ist. Das Land, die Menschen und das Leben in diesem Land haben das Potenzial, Menschen zu verändern; Menschen, die unsere Zivilisation und unseren Wohlstand für nur allzu selbstverständlich halten, Menschen, denen die Wärme und menschliche Nähe im Alltagstrott abhanden gekommen sind. Natürlich ändern sich die Menschen nicht, was aber passieren kann ist, dass längst verloren geglaubte Gefühle und Eigenarten in einem selbst wieder wach werden. Wer nach einer Indienreise keine solchen Veränderungen oder Nachdenklichkeiten an sich wahrnimmt, hat sich womöglich nur im 5-Sterne-Himmel irgendwelcher Luxushotels bewegt. Man sollte sich schon auf die normalen Menschen und Gepflogenheiten einlassen, das gilt übrigens – finde ich – für jede Reise.

… aber was ist in Indien schon normal?

Normal ist in Indien ein permanent hoher Geräuschpegel, überall dort, wo sich Menschen befinden. Wer dem entkommen möchte, muss sich schon weit von den Städten entfernen, vielleicht in ein Naturreservat.

_DSC1228  _DSC1297
Normal ist in Indien die omnipräsente Geschäftigkeit und Mobilität. Nicht hektisch, sondern eher beharrlich. Alles wuselt. Es ist die Vitalität, die überall und zu jeder Zeit spürbar und sichtbar ist. Jeder ist beschäftigt, macht sein Ding, das Leben findet eigentlich draußen statt. Geschäfte und Handwerksbetriebe befinden sich an der Straße aufgereiht in einer Art Garage, die einfach nach vorne geöffnet ist und die Arbeit teils drinnen und teils draußen davor stattfindet. Kinder schauen zu, was da einer macht und sind dadurch manchem Kind hierzulande in einigen Fertigkeiten um Längen voraus – das Leben lässt sich halt nicht nur mit Mouse-Klick bewältigen.

_DSC2642  _DSC2561
_DSC8708
In Indien ist es normal, dass im Straßenverkehr gefahren wird, wie es gerade passt – und meistens passt‘s! – Scheinbar ohne Regeln bewegen sich die allgegenwärtigen Tuktuks, Taxis und Mopeds, Pkw mit Gebrauchsspuren, die für uns Zeichen des Weltuntergangs wären, überladene Lkw, Fahrräder, Kamel- und Ochsenkutschen auf eine Weise durch die Straßen, wie wir es vergleichsweise beim ersten Ansturm auf die Wühltische im Schlussverkauf gewohnt sind.

In Indien ist es normal, dass in dieser Enge jeder kleinste Raum genutzt, aber auch gewährt wird. Beharren auf irgendeinem Recht oder Vorrang, wie es hier bei uns beobachtet werden kann, habe ich dort nicht erlebt.

_DSC7931
In Indien ist es normal, dass man – als Europäer erkennbar – schnell mal angebettelt wird. – Das nervt! Es ist aber auch normal, dass man mit leeren Händen, aber offenen Armen empfangen wird. – Das tut gut!

In Indien ist es normal, dass die Sensibilität für den Umgang mit Müll noch sehr ausbaufähig ist: Es gibt überall bestimmte Ecken, in denen sich Dreck und Müll im Wasser, wie auch zwischen Häusern ansammelt, und kein Mensch scheint sich dafür verantwortlich zu fühlen. Das ist bedauerlich, doch umso sauberer war es beispielsweise in Hotels, denn dort lief immer irgendwer irgendwo mit einem Feudel herum und sorgte für glänzende Sauberkeit. „Manpower”, wie wir es nennen, kostet dort so gut wie nichts – das ist allerdings auch bedauerlich – für die Betroffenen.

In Indien ist es normal, dass Nicht-Inder andere Eintrittsgelder zahlen als Inder. Ich finde, das ist auch akzeptabel, denn wir Europäer, Amerikaner etc. zahlen die Entrés für Taj Mahal, Red Fort usw. wie wir sie normalerweise auch für den Eiffelurm oder das Deutsche Museum zahlen würden. Inder wären allgemein damit finanziell überfordert und würden somit von Ihren eigenen Kulturschätzen ferngehalten. Also gibt es an den Kassen angepasste Niedrigpreise für die indische Bevölkerung. Das ist richtig und auch fair. Jeder muss nach seinen Kräften für Erhalt und Unterhalt von Kultur beisteuern.

In Indien ist es normal, dass die Menschen dort auf Fremde zugehen, sich für sie interessieren, ihnen Fragen stellen und oft trotz aller Sprachbarrieren freundlich und geradezu herzlich mit ihnen umgehen.

_DSC8600
Zum Beispiel: Meine Frau ist hellblond und war damit immer die Attraktion bei den indischen Frauen und wurde dauernd von schwarzhaarigen Schöpfen umringt und nach Ihren Kindern und Enkeln ausgefragt. Eine noch so kleine Geeste oder ein Blickkontakt im Alltag – und schon findet wie selbstverständlich in aller Unbefangenheit ein Kontakt statt.

Normal ist in Indien aber auch die Armut, die einem sehr oft in den Städten begegnet. Allerdings sollten wir schon differenzieren und nicht einfach hergehen und unser Portemonnaie als Referenzwert für Armut und Reichtum ansetzen. In solcher Konstellation stünden die meisten Inder in einem sehr kurzen Hemd da; im Gegenzug würden wir allerdings ziemlich dumm aus der Wäsche gucken, wenn wir uns mit den wirklich reichen Indern zu messen hätten. Ein soziales Mittelfeld bildet sich allmählich erst heran und so ist die Diskrepanz zwischen den Armen und den ganz Reichen sehr deutlich. Nicht jeder, der sich unseren Lebensstandard nicht leisten kann, ist aber als arm anzusehen. Ein Inder, der eine Familie, einen Job, eine Schule für die Kinder hat und täglich genügend zu essen und zu trinken hat, würde sich nicht als arm bezeichnen. Arm sein heißt auch glücklos zu sein. Wer sich also in seinem bescheidenen, aber auskömmlichen Leben glücklich fühlt, mag mitunter sogar mehr haben als mancher, der schon alles hat. Armut sieht in Indien so aus, dass es Menschen gibt, die wirklich nichts haben und tatsächlich in der Gosse leben und sich aus Abfällen und Unrat ernähren. Das ist auch nicht akzeptabel und unser Streben muss global dahin gehen, dass es solche Armut nicht mehr gibt – nirgendwo auf der Welt.

_DSC1317  _DSC9757
Normal ist in Indien die Farbenpracht. Man kann sich ja nicht satt sehen an den indischen Frauen in ihren farbenprächtigen Saris und Gewändern. Auf den Märkten werden Pulver in ganz intensiven Farben feil geboten. Obst, Gemüse und Blumen werden üppig aufgeschichtet und damit auch farbig und blickfangstark auf den Verkaufsständen präsentiert.

Normal ist es in Indien nicht, dass Frauen landauf landab vergewaltigt werden, auch wenn hier bei uns aus der Ferne der Eindruck entsteht. Umgekehrt trifft es auch nicht zu, dass bei uns in Deutschland eine allgemeine Fremdenfeindlichkeit herrscht. Eine Minderheit – eine viel zu große Minderheit – pöbelt und brandschatzt gegen Fremde. Die Mehrheit aller Deutschen ist aber hilfsbereit und weiß sich Hilfesuchender anzunehmen. Genau unter dieser Maßgabe sollten wir auch das indische Problem zwischen Männern und Frauen betrachten, um nicht mit einem einseitig lastenden Gesellschaftsbild im Kopfe auf eine an sich friedliche Gesellschaft zu blicken. In diesem Zusammenhang…

…normal ist es in Indien auch, dass Angehörige unterschiedlicher Religionen – Moslems, Hindus, Christen, Buddhisten, um nur die größten Gruppierungen zu nennen – in einem Staate mit einer Bevölkerung von ca. 1,25 Milliarden Menschen im Großen und Ganzen befriedet leben. Wobei diese „Normalität” auch nur mit einem Maximum an Toleranz auf allen Seiten zu bekommen und zu erhalten ist.

Nachdem ich mich hier über die Normalitäten, die ich in Indien ganz persönlich erfahren und beobachtet habe, ausgelassen habe, möchte ich in den folgenden Blogs über die Außergewöhnlichkeiten und Faszinationen dieses Landes berichten.

Vielleicht sehen wir uns auf dieser Seite wieder.