Reisen in Indien (2) – Wie macht man sich in Indien mobil?

Detlef Gehring 29. Dezember 2015

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Zunächst sei vorab gesagt, dass ich hier über zwei Reisen nach Indien in einem berichte. Die eine Reise ging im Wesentlichen durch Rhajastan, die zweite Reise führte uns ab Aurangabad in Richtung Südindien nach Karnataka, Kerala und Tamil Nadu. Beiden Reisen war eines (fast) gemein, nämlich die Reisenden.

Wir waren neun Leute, die sich verhältnismäßig gut kennen, und einer davon war Peter. Peter, selbst mit einer Inderin verheiratet und dadurch ein Kenner dieses Landes, organisierte die Reisen. Er kennt sich bestens aus und entwirft im Vorfeld einen ungefähren Ablauf der Route und der Orte, die wir besuchen sollten. Der Ablauf steht allerdings immer im Konjunktiv, lediglich das erste und das letzte Hotel und natürlich die Flüge sind zuvor gebucht, der Rest dazwischen ist immer variabel. Peters Frau war nicht mit von der Partie, dafür aber seine Tochter und sein Sohn, beide zu dem Zeitpunkt um die 20 – 25 Jahre alt.

Tommy, ein alter Freund von Peter, der schon des Öfteren mit Peter auf Reisen war, hatte seine Freundin Heike mitgebracht, Maja, mit Peter auf mathematischer Schiene zu finden, ist fast schon fester Bestandteil bei Peters Gruppenreisen, die er einfach wirklich gerne für sich uns andere organisiert, und Rudddi, ein sanfter Riese von knapp über 2 Meter Höhe, ist bei solchen Touren gar nicht wegzudenken und mit Peter seit ewig-und-drei-Tagen befreundet. Ich freue mich, dass ich auch nach Indien eingeladen bin, mit dabei zu sein, und bei der Südindien-Tour ist auch meine Frau mit zur Gruppe gekommen.

Immerhin fotografiere ich die „ganze Nummer” ausgiebig und habe zur ersten Reise durch Rhajastan eine ca. 75-minütige AV-Show produziert; sehr informativ, emotional und – vor allem – kurzweilig. Erwerben können Sie die DVD für 25,- EUR hier. Nutzen Sie das Kontaktformular und Sie erhalten die DVD gegen paypal-Zahlung.

Die Aufgabe, neun Menschen zu mobilisieren.

Neun Leute, die bei dieser sehr individuell gestalteten und geplanten Reise mobil gemacht werden müssen. In Indien bieten sich, wie hier auch, diverse Möglichkeiten an, sind aber nicht im „Hier-und-Dort-Modus” vergleichbar. Distanzen über 500 km sollte man, wenn möglich, mit dem Flieger zurücklegen. Voraussetzung ist natürlich, dass Start- und Zielort über einen Flughafen verfügen. Die „Kingfisher”-Flotte ist dort überall am Start, und ein leckeres Bier wird von „Kingfisher” auch gebraut.

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Natürlich könnte man sich auch ein Auto mieten, doch ist das Fahren in Indien echte Nervensache. In den Städten herrscht ein Wirrwarr im Verkehr, das kaum erkennbaren Regeln folgt (oder auch nicht??).

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Über Land ähneln Überholmanöver, vor allem bei sich begegnenden Überholern, einem russischen Roulette: Wer zu früh einschert ist feige – und diese ganze Nummer müsste in unserem Falle noch mit zwei Fahrzeugen und wenigstens zwei Fahrern durchgestanden werden. Also – Urlaub ist da schon anders!

Als Durchschnittskilometerleistung sind im indischen Straßenverkehr über Land ca. 40 bis 50 km/Stunde anzusetzen, und so sind beispielsweise 350 km, die wir hier bei uns in drei Stunden zurücklegen, in Indien schon eine Art Tagesritt. Für Distanzen auf unseren Reisen, die größer als ca. 200 km waren, haben wir uns für Kleinbusse entschieden, in denen meistens ein bis zwei Plätze mehr waren als benötigt wurden.

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Die Busse wurden von kundigen Fahrern gelenkt, die uns immer gut von einem Hotel zum anderen gebracht haben. Die jeweiligen Zielhotels wurden unterwegs aus einem Reiseführer von uns ausgewählt, vor Ort haben zwei bis drei von uns das Hotel und Zimmer kurz gecheckt und Preise ausgehandelt. Wir haben dann entweder eingecheckt oder uns die nächste Alternative angesehen. Alles in allem war diese Art, der Fortbewegung für uns sehr entspannt, in der Umlage auf neun Personen wirklich erschwinglich, und wir hatten immer die Möglichkeit auch spontan einen Zwischenstop einzulegen. Die Rezeption eines jeden Hotels konnte uns schnell den nächsten Transfer vermitteln, so dass auch die Organisation und Preisverhandlung recht kurz und entspannt über die Bühne ging.

Wer mit öffentlichen Bussen von Stadt zu Stadt reisen will, sollte sich vorher Gewissheit über die Fahrtzeit verschaffen. Es gibt klimatisierte Busse, welche die Strecke zwischen größeren Städten non-stop verkehren, aber auch Busse, die mehrere Zwischenstops einlegen, und da kann es schon passieren, dass es anderthalb Stunden dauert bis man überhaupt erst mal die Stadt verlässt. Mit solchen Bussen kann schnell ein ganzer Urlaubstag für die Fahrt verstreichen.

Eine durchaus interessante Alternative sind Nachtbusse, die sehr zügig und meistens auch mit bequemen Sitzen unterwegs sind. Allerdings erreicht man seine Ziele auch mitten in der Nacht, doch keine Sorge: an jedem Bus-Stop warten Tuktuks, von denen man ins Hotel gebracht wird.

Ein kleines Schmankerl am Rande: Auf einer Nachttour hielt unser Bus an einer Art Raststätte an einer Landstraße. Man muss sich die Lokalität etwa so vorstellen: ein paar Buden um den Parkplatz aufgereiht, grelle Lampen, die das Areal taghell beleuchteten, und eine entsetzlich laute und schrille Musik, die aus Trichterlautsprechern, die in den Bäumen aufgehängt waren, auf uns eindröhnte. – Als hätte es nicht schon gereicht, dass der Busfahrer nach dem Anhalten irgendetwas in den Bus brüllte und damit jeden um das bisschen Schlaf brachte, das man während einer Fahrt seinem Körper abtrotzen kann.

Bei kürzeren Entfernungen, also bis ca. 200 km, haben wir uns auf Pkw mit Fahrer verteilt und in beschriebener Weise die Hotels aufgesucht. Übrigens sollte man immer, ganz gleich, bei welchem Verkehrsmittel, zuvor einen festen Preis aushandeln und für die Busfahrer, denen in der Regel der Bus nicht selbst gehört, also „angestellt” sind, ein gutes „Trinkgeld” bereithalten.

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Am Ort selbst und zu nahe gelegenen Locations war das Tuktuk, die Motor-Riksha, das Vehikel, mit dem man uns durch jede Enge rasant bis zum gewünschten Ort fuhr. Beim Tuktuk erlebt man wirklich alles: Teilweise werden diese Dreiräder von Youngstern gefahren, die man wirklich bremsen muss, weil sie sich mit ihren Kollegen und ihren Fahrgästen an Bord ein waghalsiges Rennen leisten. Genau so kann es einem passieren, dass man von einer Frohnatur chauffiert wird, der uns ein Lied über Elefanten vorsingt. Eines Abends ließen wir uns in Bikaner zurück zum Hotel fahren, und plötzlich schaltete unser Driver seine Anlage ein: Riesen-Sound in der Kutsche und als Sahnehäubchen flackerte noch eine bunte Lichterkette, die am Verdeckgestänge befestigt war, zur Musik. Ravi’s rollende Disco. – Da kann Dir wirklich alles passieren, so, „als hätte Dein Deodorant versagt”.

Eine Fahrt gab es, da „half wirklich kein Deodorant mehr”. Wir waren in Ooty, ein Ort auf 2400 Metern Höhe in Tamil Nadu, etwa 120 km südlich von Mysore/Karnataka. Angekommen sind wir wieder mal mit einem gecharterten Kleinbus, der uns über eine sich schlängelnde Passstraße dort hoch gebracht hatte. Die Talfahrt haben wir mit der Zahnradbahn unternommen, einerseits, weil es in südlicher Richtung wohl keine Alternative gab und das ist ja auch mal was Besonders, dachten wir. – Stimmt!! –

Da wir nicht reservieren konnten, weil unsere Reise, wie bereits angemerkt, keinem festen Terminplan folgte, konnten wir die Fahrkarten erst unmittelbar vor Abfahrt lösen. Der Bahnsteig füllte sich, und es wurden immer mehr Passagiere – das muss wohl ein langer Zug sein, dachten wir. Sollte man hier besser einschränken: Zu kurz gedacht! (gerade weil wir länger vermuteten)? – Kurzum: Der Einstieg und die Platzanweisung wurde vom Zugpersonal „straight” durchgeführt und wir kamen alle in ein Abteil von ca. 3 m Breite – so breit wie der Wagon – und zwei gegenüber liegenden Sitzbänken, zusammen mit noch einem englischen Pärchen und natürlich auch mit unserem Gepäck, jeder mit einem Rucksack, etwa in Rumpfgröße des eigenen Körpers, plus Kameratasche, die bei mir mit ihren 8 kg auch vom Volumen was hermachte.

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Das Leben in vollen Zügen genießen – herrlich – das Gepäck zwischen den Füßen, die man nun gute drei Stunden still halten musste, und auch auf den Oberschenkeln lag aufgestapelt das Gepäck. Man konnte wenigstens nicht umfallen. Die Fahrt ging mit einer Elektrolokomotive los, gemächlich abwärts bis zu einer Art Mittelstation. Dort wurde die Lok gewechselt. Eine Dampflok, die zahnradgeführt den Zug über die steilere Gefällestrecke bugsieren und dauerhaft mit ihrem Dampf abbremsen musste, wurde angekoppelt. Dann wurde es richtig gemütlich. – Die Türen waren rechts und links praktisch Teil der Waggonwand, und über ein längs am Wagon entlanglaufendes Trittbrett bestieg man direkt vom Bahnsteig aus das Abteil – Die Abteiltür öffnete sich, und zu uns gesellte sich noch eine ältere Dame und ein jüngerer Mann. Wir rückten natürlich noch etwas zusammen um ihr höflich einen Sitzplatz anzubieten, was nur dadurch gelang, dass wir noch mehr Gepäck auf unseren Schößen auftürmten. Bilder dieses Zuges sehen Sie auch oben in der Kopfleiste. Abgerundet wurde die Besetzung des Abteils durch den Zustieg eines jungen Mannes, diesmal von der anderen Seite, der die Tür öffnete, sah, dass auf dem Boden wohl noch genügend Platz für seine beiden Füße war, geschätzte Schuhgröße 39, und diesen Platz knirsch zwischen meinen Beinen und der Tür einnahm und dort die Fahrt stehend durchstand. Die Tür ließ sich noch so eben verriegeln und ab ging die Post. An diese Situation muss ich immer denken, wenn ich mir hier bei uns eine Eisdiele vorstelle: alle Tische sind besetzt, jedoch nicht immer vollständig, teilweise nur durch Einzelpersonen. Unser Fazit wäre: Is‘ voll!

Es gibt aber auch andere Bahnen, mit denen man übrigens am schnellsten die Distanzen in Indien überbrücken kann – allerdings ohne die charmante Möglichkeiten des individuellen Zwischenhalts. Mit Fernzügen, die in der Regel immer gut besetzt sind, kann man immer gut vorankommen, wenn auch nur mit Stehplatz bei Nichtreservierung, dafür aber sehr kommunikativ und gut durchlüftet. Gute Durchlüftung deshalb, weil die Glasfenster alle heruntergelassen sind und die Fenster nur durch zwei waagerechte Stangen gegen Hinauslehnen oder gar Ein- und Aussteigen gesichert sind. Kommunikativ, weil wir als Europäer erkennbar, sofort angesprochen wurden, woher, wohin usw. Wer mit Peter redet, spricht ihn schnell auf seine Tochter und seinen Sohn an, die Dank der Mutter natürlich ein indisches Aussehen nicht verbergen können. Peter ist nie um eine Antwort verlegen und so antwortet er auf die Frage, ob die Beiden seine Kinder sind, ganz trocken: „My wife said, yes!” – Der … Brüller … im … Waggon. Über solch einen Spruch biegen sich die Inder vor Lachen. So gewinnt man Freunde.

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Eine Mobilität, zu der ich ein sehr gespaltenes Verhältnis habe, ist der Transport mit Vehikeln, die mit menschlicher Muskelkraft bewegt werden. Gemeint sind die Fahrrad-Rikshas und die Rikshas, die vorne von einem Läufer gezogen werden, wobei ich Letztere nur in Kalkutta vor ca. 40 Jahren gesehen habe und nicht weiß, ob es sie heute noch gibt. Es sträubt sich einfach alles in mir, wenn man sich – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – mit seinem europäischen Breitarsch von einem meist sehr hageren und dürren Riksha-Driver, der sich auf dem Fahrrad abquält, auch noch in aller Öffentlichkeit durch die Straßen zerren lässt. Andererseits ist mir durchaus bewusst, dass der Typ diesen Job braucht, um seine Familie zu ernähren. Jedenfalls ist es mir in Jaipur so passiert, dass mich ein Riksha-Fahrer vor dem Hotel angesprochen hat und ich ihm zunächst sagte, dass wir eine Gruppe sind und in der Regel gemeinsam entscheiden wie und wohin wir fahren. Darauf kam die Antwort, er könne ja noch mehr Rikshas mobilisieren, die uns dann alle fahren würden. Ich deutete daraufhin an, welche menschlichen Probleme ich damit habe, worauf er mir ganz schlicht die Antwort gab: „You’re giving me a job, Sir!”. Ich wiegelte weiter ab, doch als wir nach gut einer Stunde aus dem Hotel kamen, stand er da mit einer kleinen Flotte von insgesamt sechs Rikshas, die wir dann jeweils zu zweit bestiegen und uns in die Stadt fahren ließen. Soweit ich weiß, gibt es davon keine Fotos, jedenfalls nicht auf unseren SD-Cards und hoffentlich nicht auf anderen, die jetzt sonst wo beim Diaabend als etwas besonders „Folkloristisches” und besonders Originäres vorgeführt werden.

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Da ist mir schon lieber der Trip in die Wüste Thar, bei Jaisalmer. Auf einigen „Wüstenschiffen” ritten wir gute zwei Stunden in geschmeidiger Gangart, begleitet von den Kameltreibern, in die Wüste. Bis so ein Kamel vollständig auf seinen Beinen steht, gleicht es dem Reiter im Bewegungsablauf als kleine Achterbahnfahrt. Dann aber genießt man einen angenehmen, ruhigen Ritt, der einen regelrecht durch die Wüste gleiten lässt. Kamele strahlen einfach eine Ruhe und Erhabenheit aus, die diese Tiere faszinierend machen.

Soviel zu den wesentlichen Transportmitteln, die uns durch Indien gebracht haben. Es gibt aber noch viel mehr zu erzählen!

Vielleicht sehen wir uns auf dieser Seite wieder.